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Die Norddeutsche vom 27.09.2017

Austausch mit der Türkei und Zypern positiv bewertet

Vegesack. Wie gehen eigentlich Schulen und Betriebe in Izmir und auf Zypern mit ihren Behinderten um? Was kann Bremen davon lernen? Diese Fragen können die Teilnehmer am EU-Projekt „Iwitra“ für „Inklusion-Wissenstransfer“ jetzt beantworten: Zwischen dem 1. Juni 2015 und dem 31. Mai 2017 haben zehn Bremer Lehrer, Lehrmeister und Inklusionsspezialisten an einem Austausch teilgenommen. Das Projekt des Schulzentrums Kerschensteinerstraße wurde mit der Türkei begonnen und auf Zypern weitergeführt. Jetzt wurde gefeiert.

 Schulleiter Melis Nicolaides hat seiner Vegesacker Kollegin Barbara Fietz ein Buch über Zypern mitgebracht, das er ihr nach einer bewegenden Rede als Dank für ihr Engagement überreicht. Als auch noch eine Kollegin Blumen bringt, kämpft die Werkstufenleiterin am Schulzentrum Kerschensteinerstraße gerührt sichtlich mit den Tränen. Da ist für ­viele im Saal schon klar: Dem Austausch der Pädagogen und Inklusionsspezialisten soll in einem weiteren Projekt nun ein Austausch der Schüler folgen. Den guten Draht nach Limassol will man auf jeden Fall behalten, um voneinander zu profitieren. Auf Zypern haben die Bremer eine ganz andere Art von sehr herzlichem Umgang mit den Menschen mit Beeinträchtigungen kennengelernt.

Und umgekehrt verzeichnet Melis Nicolaides, mit wie viel System die Deutschen Anstrengungen unternehmen, ihre Absolventen  im ersten Arbeitsmarkt unterzubringen. Nicolaides: „Ich habe so ­viele Dinge hier gesehen, die mir so viele Inspirationen für die Arbeit in der Heimat gegeben haben.“ Es ist bei der Abschlussveranstaltung in der Werkstatt des Schulzentrums klar, dass hier Menschen unterschiedlicher Herkunft – aber alle beseelt von einem Gedanken – zusammensitzen. Nicolaides formuliert das so: „Wir sind in einem Boot. Es ist unser gemeinsames Anliegen, Kindern mit Beeinträchtigungen eine gute ­Zukunft zu geben.“

Auf Zypern, so beschreibt es auch ­Barbara Fietz, sei die Betreuung bis zum Ende der Schule hervorragend und äußerst familiär. Dann, mit dem Ende der Schulzeit, verlören die Jugendlichen mit Handycap plötzlich all ihre Bindungen und hockten nur noch in den Familien. In der Türkei war der Eindruck der Bildungsreisenden ein anderer: In Izmir waren viele der Bremer erstaunt, wie viele Menschen mit Beeinträchtigungen allein im Ableger des Bildungsministeriums in der Stadt arbeiten. Barbara Fietz: „Von 400 Mitarbeitern der Behörde sind 170 Menschen mit Beeinträchtigungen.“ Karin Toellner war für die Bremer Jobagentur beim Projekt und in Izmir dabei und hat auch wahrgenommen, wie gelungen einige Betriebe in der Türkei mit behinderten Menschen arbeiten – sehr zu ihrem eigenen wirtschaftlichen Vorteil: In einer Großbäckerei durfte mit Till Bellmann-Nitz der größte und kräftigste deutsche Projektteilnehmer beim Tortenkarton-Falten gegen einen behinderten Mitarbeiter antreten. Bellmann-Nitz: „Der war zehnmal schneller als ich.“

Die Kontakte in die Türkei haben der Gruppe auch klargemacht, wie hart politische Umwälzungen nach unten durchschlagen können. Bellmann-Nitz: „Mercedes Benz und auch die Handwerkskammer sind ja bis heute Projektpartner bei uns im Projekt Iwitra und es kamen umgehend klare Signale: Aus ethischen Gründen müssen wir aus dem Projekt aussteigen, wenn die Türkei weiter Partner bleiben sollte, hieß es von dort.“

Übersetzt bedeutete das, die Projektleiter mussten mitten im Projekt sehr schnell neue Partner finden. Im Saal ist immer noch die Erleichterung über den „Glücksfall Zypern“ zu spüren. Und Panicos Louca vom zypriotischen Bildungsministerium bekommt großen Beifall, als er in seiner Ansprache sagt: „Wir sind auf Zypern nicht einmal eine Million Leute. Aber wir sind stolz auf unser Land und wie wir zusammenleben. Und wir glauben, dass wir der Welt etwas geben können, obwohl wir nur so klein sind.“

Roy Kahl

Rolf Kahl war als Vizepräses der Bremer Handwerkskammer mit auf Zypern und bilanziert: „Dort ist man von den Erfolgen gar nicht so weit weg von uns. Denn man muss feststellen, dass auch hier nicht wirklich ­viele Menschen mit Beeinträchtigungen einen Platz in den Betrieben finden.“ Der Mann des Handwerks rät, die Gunst der Stunde und der guten Konjunktur zu nutzen, um jetzt noch mehr für Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigungen zu tun: „Es gibt ganz andere Instrumente und Hilfsmittel in Deutschland. Und jetzt ist der richtige Moment um voranzuschreiten.“

Kritik am Kurs der Inklusion? Sie kommt in Bremen von allen Seiten, betrifft bei genauem Hinsehen aber meist die mangel­hafte Ausstattung der Inklusionsschulen und Kitas mit Personal, Räumen und Mitteln. Bei der Feierstunde zum Inklusionsprojekt „Invitra“ aber blitzt all der Ärger um die Einführung der Inklusion in Bremen nur kurz auf: Petra Jendrich, Leiterin des Referats „Berufliche Schulen“ in der Bildungsbehörde, atmet in ihrem Grußwort geradezu auf, einmal unter Inklusionsfans zu sein.