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Vegesack. „Im Bildungsbereich findet derzeit ein Paradigmenwechsel statt“, sagt Ali Gholamazad, Lehrer und Berater am Schulzentrum der Sekundarstufe II in Vegesack, „denn die Wissensgesellschaft braucht eine Pädagogik, die vor allem Kompetenzen aufbaut. Die Anforderungen an die Arbeit werden immer komplexer. Menschen werden verlangt, die offen sind, die gern mit anderen kooperieren und die Probleme gemeinsam mit anderen zu lösen versuchen.“

Aufgrund seines erfolgreichen Anspruchs, diesem Neuen in der Arbeitswelt gerecht zu werden und für jugendliche Flüchtlinge zu entwickeln, ihnen damit eine möglichst gute Berufsperspektive zu schaffen, wurde Ali Gholamazad mit dem Integrationspreis der Bremer Wirtschaft ausgezeichnet, stellvertretend für das Schulzentrum der Sekundarstufe II in Vegesack. Der Preis ist mit 3000 Euro dotiert.

Der Ingenieur Ali Gholamazad stammt aus dem Iran und lebt seit 1977 in Deutschland. An der Hochschule Bremen studierte er Elektrotechnik und qualifizierte sich an der Universität Bremen weiter zum Berufspädagogen, wo er im Bereich Arbeit – Technik – Bildung im Jahre 2008 promovierte. Danach war er als Projektleiter am Heinz-Piest-Institut für Handwerkstechnik an der Universität Hannover tätig und arbeitet derzeit im Schulzentrum des Sekundarbereichs II in Vegesack mit dem Schwerpunkt Metall-, Elektro- und Informationstechnik.

An dieser Schule wurde mit dem Bildungsgang „Qualifizierung und Integration“ ein zweijähriges Unterrichtsmodell für schul- und berufschulpflichtige Asylbewerber und Flüchtlinge zwischen 14 und 25 Jahren eingeführt. In einem Vorkurs Deutsch wird ­ihnen zunächst ein Jahr lang sprachliche ­Basiskompetenz vermittelt. Im nächsten Jahr werden Sprachförderung und Berufsorientierung miteinander verkoppelt, wobei auch ein mindestens zweiwöchiges betriebliches Praktikum dazugehört. Am Ende steht eine „Einfache Berufsbildungsreife“ oder „Erweiterte Berufsbildungsreife“, die etwa mit dem Hauptschulabschluss gleichzusetzen sei, so Gholamazad.

Unter dem Motto „Integration durch Kooperation“ wird in diesem Bildungsgang ein fachlicher Austausch mit Experten, der Wirtschaft und anderen Bildungseinrichtungen gefördert wie zum Beispiel den Berufsbildenden Schulen in Bremen, der Jugendberufsagentur oder Handelskammer und Handwerkskammer.

„Mir geht es darum, dass die meist unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge eine gute berufliche Orientierung erhalten“, sagt Ali Gholamazad. „Sie lernen dabei die Strukturen der Wirtschaft in Deutschland und die stark arbeitsteilige Organisation kennen, die ihnen meistens fremd ist.“

Ganz entscheidend seien gute Sprachkenntnisse, sowohl Deutsch als meist zweiter Sprache als auch der Fachsprache des jeweiligen Berufs. Darüber hinaus sei jedoch vor allem der Erwerb von „soft skills“ wichtig, wie zum Beispiel Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Der Ansatz von Ali Gholamazad ist handelsorientiert: Die Schüler erhalten zum Beispiel als Aufgabe eine Kundenanfrage über 50 Personalcomputer, die von einer Firma zusammengebaut und geliefert werden sollen. Sie lernen zu berechnen, wie viel und welches Personal man dazu braucht und welche Werkzeuge benötigt werden.

„Mir geht es darum, ein Verständnis des gesamten Arbeitsablaufs und aller relevanten Strukturen zu vermitteln, letztlich um eine ganzheitliche Einsicht in den gesamten Prozess“, sagt er. „Und wenn ein Problem auftaucht, weil man zum Beispiel eine Aufgabe nicht versteht, sollen die Schüler lernen, sich nicht zu verstecken, sondern mit anderen zu kommunizieren – auch das gehört zu den entscheidenden soft skills.“

Kommunikation hält Gholamazad für eine der großen Aufgaben im Rahmen der Berufsausbildung, die nicht nur zwischen Lehrern und Schülern, sondern auch mit der Wirtschaft stattfinden sollte. Deshalb ­möchte er möglichst viele Betriebe in den Ausbildungsprozess einbinden.

Fachkräfte sind in Deutschland Mangelware, gut ausgebildete Flüchtlinge können also den Arbeitsmarkt bereichern, doch die Wirtschaft müsse klar formulieren, welche Leute mit welchen Fähigkeiten und Kenntnissen gebraucht werden. „Wille und Neugier sind bei den geflüchteten Jugendlichen in der Regel extrem groß – das Haupthindernis ist fast immer der ausreichende Spracherwerb“, sagt Gholamazad. „Für die Flüchtlinge ist die Ausbildung bei etwa 40 Wochenstunden von acht bis 15 Uhr schon eine große Belastung. Das schaffen sie nur, wenn sie lernen, wie man effektiv lernt.“

Viele der Neuankömmlinge aus anderen Kulturkreisen haben keine Vorstellung, welche beruflichen Möglichkeiten es in Deutschland überhaupt gibt, andere jedoch bringen klare Berufsbilder mit, wenn sie zum Beispiel unbedingt Automechaniker oder Apotheker werden wollen. Der Wunsch von Ali Gholamazad ist es, „noch mehr Praxisan­teile in den Bildungsgang hineinzubringen und noch verzahnter zu arbeiten“, doch für eine erfolgreiche Integration junger Flüchtlinge müssten auch in der Wirtschaft erst die Strukturen geschaffen werden: „Dort gibt es praktisch keine Sprachexperten, die sich der Probleme annehmen.“ Und auch in der Ausbildung würden noch weit mehr Sozialpädagogen gebraucht.

Die Entwicklung verlaufe immer schneller, so Gholamazad. Man stehe heute vor voll automatisierten Maschinen und müsse sich vor allem mit ihrer richtigen Wartung gut auskennen. Und auch die Ausbilder müssen laufend weiter gebildet werden, weil sich die Technologie in rasantem Tempo weiterentwickelt. Ein neues Denken sei gefordert, das große Offenheit verlangt. „Doch wenn die Jugendlichen das gelernt haben, können sie diese Fähigkeiten in ihrem Heimatland einbringen und der dortigen Ökonomie neue Impulse liefern“, sagt Gholamazad.

Zwischen der Wirtschaft, die dringend Fachkräfte sucht und der Ausbildung der jungen Flüchtlinge müssten erst noch neue Brücken gebaut werden, die es bisher noch gar nicht gibt. Sind sie tragfähig, so können mit dem Modell junge Flüchtlinge in ganz Deutschland über sie gehen, ohne in den Abgrund der Arbeitslosigkeit zu fallen.

Ali Gholamazad wurde nicht zuletzt deshalb mit dem Integrationspreis der Bremer Wirtschaft ausgezeichnet, weil er ein großes Engagement bewies, sich diesen Veränderungen in der beruflichen Bildung zu stellen und konkret an diesen Brücken zu ­bauen.